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Fakten und Hintergründe

zum 3. Klimakrisengespräch am 11.09.21 in Kassel

Bearbeitet von: Michael von Bonin, Rüdiger Faust und Alexander Basse

Link zum Youtube-Video des dritten Kasseler Klimagesprächs (Podiumsdiskussion der Direktkandidat*innen im Wahlkreis 168, Kassel): https://www.youtube.com/watch?v=SECfn2px-aE

1. Grünen-Wähler und ihr CO2-Fußabdruck

Moderator: „(…) wenn man sich anguckt, welche Wähler*innen am meisten CO2 ausstoßen, dann sind das nicht die von Linken, nicht die von CDU, nicht mal die von FDP, sondern die von den Grünen. Die Grünenwähler*innen stoßen am allermeisten CO2 aus (…).“

Zeitpunkt im Video: 01:45:35

Fakt ist:  Eine Studie, die den CO2-Fußabdruck einzelner Wählergruppen oder Parteipräferenzen detailliert untersucht hat, ist uns nicht bekannt. Es gibt allerdings Untersuchungen, die gewisse Schlussfolgerungen in diese Richtung zulassen:

1. Die Wähler*innen von B90/Die Grünen haben überdurchschnittlich hohe Einkommen [A1]. In einer repräsentativen Erhebung von Pro-Kopf-Verbräuchen natürlicher Ressourcen des Umweltbundesamtes [A2] ergab sich, „dass vor allem das Einkommen einen zentralen Treiber für den Ressourcenverbrauch darstellt.“ Laut der Studie ist zudem der Energieverbrauch „in den sozialen Milieusegmenten mit verbreitet positiven Umwelteinstellungen überdurchschnittlich hoch“. Daraus lässt sich die Vermutung ableiten, dass Grünen-Wähler*innen einen großen CO2-Fußabdruck haben. Ein Kausalzusammenhang (hohe Emissionen wegen Parteipräferenz) ergibt sich dadurch allerdings nicht.

2. Die Forschungsgruppe Wahlen hatte im Juni 2019 eine Umfrage im Auftrag des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft durchgeführt, die ergab, dass 46 % der Grünen-Wähler*innen in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal geflogen sind. [A3] Damit lag diese Wählergruppe knapp vor der FDP (45 %), gefolgt von Wähler*innen der CDU/CSU (40 %), der Linken (32 %) und der SPD (31 %).  Allerdings muss beachtet werden, dass weder Anzahl noch Länge der Flüge abgefragt wurden. Diese haben einen entscheidenden Einfluss auf die CO2-Emissionen bzw. den individuellen CO2-Fußabdruck. An einer entsprechenden Überinterpretation der Ergebnisse gab es daher auch Kritik. [A4]

Übrigens: Zur sog. „Einstellungs-Verhaltens-Diskrepanz“, also der Tatsache, dass wir unser Verhalten gerne ändern und uns „klimafreundlicher“ verhalten würden, dies in der Realität aber oft nicht schaffen, haben wir in einem unserer Klimagespräche am Staatstheater ausführlich thematisiert: https://www.youtube.com/watch?v=A0prIUheZws

[A1] Bundeszentrale für politische Bildung: Wahlergebnisse und Wählerschaft der GRÜNEN, 01.09.2020.  
https://www.bpb.de/politik/grundfragen/parteien-in-deutschland/gruene/42159/wahlergebnisse-und-waehlerschaft

[A2] Umweltbundesamt: Repräsentative Erhebung von Pro-Kopf-Verbräuchen natürlicher Ressourcen in Deutschland (nach Bevölkerungsgruppen), April 2016.  https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/repraesentative-erhebung-von-pro-kopf-verbraeuchen

[A3] Tagesspiegel vom 19.07.2019, Grünen-Anhänger fliegen am meisten und haben das schlechteste Gewissen.         
https://www.tagesspiegel.de/politik/umfrage-zur-flugscham-gruenen-anhaenger-fliegen-am-meisten-und-haben-das-schlechteste-gewissen/24679158.html   

[A4] taz vom 25.07.2019, Zweifelhafte Vielflieger-Zahlen.
https://taz.de/Gruene-in-der-Kritik/!5608635/

 2. Zusammenhang von Klimawandel und Flutkatastrophe / Attributionsforschung:

Michael Aufenanger, CDU: „Es gibt einfach Naturkatastrophen, die eintreten (…). Klimaerwärmung, Klimawandel ist das eine Thema, aber wenn wir hier, ich weiß nicht, ein tausendjähriges (…) Naturereignis haben, dann wissen wir, die hat es früher auch gegeben. Jetzt mögen wir als Gesamtwelt da mitverantwortlich sein, dass es vielleicht ein bisschen schlimmer geworden ist, ja. Es gibt aber Naturkatastrophen, da trägt sicherlich nicht die Politik allein die Verantwortung.“

Zeitpunkt im Video: 01:36:00

Fakt ist: Zum Zusammenhang von Klimawandel und Extremwetterereignissen im Allgemeinen und die Ereignisse im Juli 2021 (auf welche sich das Zitat bezieht) im Speziellen haben die Scientists for Future eine Stellungnahme [B1] verfasst. Anhand zweier Studien [B2, B3] wird belegt, dass „die menschengemachte Erderwärmung zu mehr Starkniederschlägen fast überall auf der Welt [führt]“. Pro Grad Celsius, um das sich die Atmosphäre erwärmt, nehmen diese im Durchschnitt um ca. 7 % an Intensität zu. Dies ist insbesondere dadurch begründet, dass eine wärmere Atmosphäre mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann. Für Mitteleuropa ist die Zunahme von Starkregen aufgrund der Erderwärmung klar nachweisbar. [B4]

Ende August wurde eine Studie veröffentlicht, welche die Rolle des Klimawandels bei der Flutkatastrophe im Juli untersucht hat (sog. Attributionsforschung) [B5]. Die Wissenschaftler*innen legen darin dar, dass der Klimawandel die Intensität des Starkregens um 3 bis 19 % erhöht hat. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es zu solch extremen Regenfällen kommt, hat sich zudem durch den Klimawandel um das 1,2- bis 9-Fache erhöht.

Es kann also geschlussfolgert werden, dass solche Starkregenereignisse sowohl in Intensität als auch in der Auftretenswahrscheinlichkeit, und damit der Häufigkeit, durch den Klimawandel zunehmen. Da die Attributionsforschung den Zusammenhang von menschengemachtem Klimawandel und Extremwetterereignissen aufzeigt, bedeutet dies auch einen entsprechenden Zusammenhang von menschlicher Aktivität (Emission von Treibhausgasen) und Starkregenereignissen wie dem im Juli 2021.

Übrigens: Die Autor*innen der Studie schreiben darüber hinaus, dass bei einem weiteren Anstieg der Globaltemperaturen um 2 °C gegenüber der vorindustriellen Zeit die Intensität eines solchen Starkregens um zusätzliche 0,8 bis 6 %, die Wahrscheinlichkeit zusätzlich um den Faktor 1,2 bis 1,4 zunehmen.

[B1] Schleussner, C.-F., Rahmstorf, S., Terli, Ö., Wulfmeyer, V (2021). Die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland und die Klimakrise — eine Stellungnahme von Wissenschaftler:innen der Scientists for Future.
https://info-de.scientists4future.org/die-flutkatastrophe-im-juli-2021-in-deutschland-und-die-klimakrise/ 

[B2] Dong, S., Sun, Y., Li, C., Zhang, X., Min, S.K. and Kim, Y.H. (2021). Attribution of extreme precipitation with updated observations and CMIP6 simulations, J. Clim. 34 871–81.

[B3] Sun, Q., Zhang, X., Zwiers, F., Westra, S. and Alexander, L.V. (2021). A global, continental, and regional analysis of changes in extreme precipitation. J. Clim. 34 243–58.

[B4] Zeder, J., Fischer, E.M. (2020). Observed extreme precipitation trends and scaling in Central Europe. Weather and Climate Extremes 29.

[B5] Kreienkamp, F. et al. (2021). Rapid attribution of heavy rainfall events leading to the severe flooding in Western Europe during July 2021.
https://www.worldweatherattribution.org/wp-content/uploads/Scientific-report-Western-Europe-floods-2021-attribution.pdf 

3. Bürgerfrage nach den anteiligen Mitteln der verschiedenen Mobilitätsarten im Bundesverkehrswegeplan (BVWP)

Boris Mijatovic, B90/Die Grünen:  „Der BVWP ist von 2016, gilt bis 2030 und hat etwa 300 Mrd. Euro. (…) Im BVWP sind etwas mehr als die Hälfte der Mittel vorgesehen als investive Mittel für den Autobahnausbau bzw. Bundesstraßenbau, dazu gehören auch Umgehungsstraßen und andere Projekte mehr. (…) Für Güterverkehr, sind da etwa 40-45% drin, also für die Schiene (…) Ein kleiner Teil ist Bundeswasserstraßen. Was nicht drin ist, ist der ÖPNV. Die angesprochenen Regionalisierungsmittel sind keine Investitionen, sondern laufende Unterstützung und die sind in den letzten Jahren – vom Bund an die Länder werden die gereicht – gekürzt worden.“

Zeitpunkt im Video: 01:14:30

Fakt ist: Der BVWP wird vom BMVI erarbeitet und vom Kabinett beschlossen. Er hat keinen Gesetzescharakter, sondern dient als Planungsgrundlage für die von Parlament und vom Bundesrat zu beschließenden Ausbaugesetze für Straßen, Schienen und Wasserstraßen. Derzeit gilt der BVWP 2030, der am 08. März 2016 beschlossen wurde. [C1] Er hat ein Planungsvolumen von 269,6 Mrd. €, davon entfallen 49 % auf Straßen, 42 % auf die Schiene und 9 % auf Wasserstraßen. Von diesen Mitteln sind 69 % für Erhalt und Ersatz und 31 % für den Neu- und Ausbau vorgesehen. 

An der Finanzierung des ÖPNV beteiligt sich der Bund über sogenannte Regionalisierungsmittel. Die Zuweisung für Hessen ist im Zeitraum 2017-2021 um 19,8 % (gegenüber dem Vergleichszeitraum 2010-2014) gestiegen auf 3,13 Mrd. €. Die hessische Regierung hat den Etat des ÖPNV aus Mitteln des kommunalen Finanzausgleichs und aus Landesmitteln auf insgesamt 3,97 Mrd. € für den Zeitraum 2017-2021 aufgestockt. [C2]

[C1] Bundesanzeiger AT 14.03.2016 B4.

[C2] Pressemitteilung Hess. Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen vom 22.11.2016.

4. Bürgerfrage nach dem Sinn von Ausbau und Förderung von „blauem“ Wasserstoff

Timon Gremmels, SPD: „Ziel ist es, möglichst viel „grünen“ Wasserstoff zu haben. (…) Bis wir das erreichen brauchen wir Brücken. „Blauer“ Wasserstoff ist eine Gefahr, weil Sie verpressen ja im Prinzip dann das CO2 in den Boden und das ist ja durchaus nicht ganz ungefährlich. Die Alternative ist Pyrolyse, also „türkisfarbener“ Wasserstoff, wo Sie sozusagen das CO2 dann als Kohlenstoff haben. Das finde ich die viel bessere und spannendere Technologie.“

Zeitpunkt im Video: 00:40:49

Fakt ist:            
„Grüner“ Wasserstoff wird durch Elektrolyse von Wasser hergestellt, wobei für die Elektrolyse ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energien zum Einsatz kommt. 

„Grauer“ Wasserstoff wird aus fossilen Brennstoffen gewonnen. Dabei wird Erdgas unter Hitze in Wasserstoff und CO2 umgewandelt. Das CO2 wird anschließend in die Atmosphäre abgegeben. 

„Blauer“ Wasserstoff ist „grauer“ Wasserstoff, dessen CO2 bei der Entstehung abgeschieden und gespeichert wird. Das bei der Wasserstoffproduktion erzeugte CO2 gelangt so nicht in die Atmosphäre und die Wasserstoffproduktion kann bilanziell als CO2-neutral betrachtet werden.       

„Türkiser“ Wasserstoff ist Wasserstoff, der über die thermische Spaltung von Methan (Methanpyrolyse) hergestellt wurde. Anstelle von CO2 entsteht dabei fester Kohlenstoff. Voraussetzungen für die CO2-Neutralität des Verfahrens sind die Wärmeversorgung des Hochtemperaturreaktors aus erneuerbaren Energiequellen, sowie die dauerhafte Bindung des Kohlenstoffs. [D1]

Kritik am „türkisen“ Wasserstoff          
Die Methanpyrolyse verursacht durch Vorkettenemissionen bei der Förderung und Transport von Erdgas (Methan) mindestens 43 Gramm CO2-Äquivalent pro Megajoule Wasserstoff und ist damit nicht klimaneutral. [D2] Bei der Pyrolyse von Methan fallen pro Tonne Wasserstoff 3 Tonnen Kohlenstoff an. Die Nutzung des Pyrolyseprodukts Kohlenstoff in Verbrennungsprozessen (z.B. in der Stahlindustrie) erzeugt wiederum CO2-Emissionen. Ohne eine Weiterverwendung des Kohlenstoffs ist die Methan-Pyrolyse nicht wirtschaftlich.

Kritik am „blauen“ Wasserstoff            
Das Problem der Vorkettenemissionen besteht vermehrt auch bei der Herstellung von „blauem“ Wasserstoff mit anschließender CO2-Abscheidung. Hinzu kommt das nur schwer kalkulierbare Risiko, gasförmiges CO2 in tiefere Erdschichten (über 800 m) zu verpressen. Endlagerstätten für CO2 sind kapazitativ stark begrenzt und müssen ständig über lange Zeiträume (Jahrhunderte) überwacht werden. [D3]

[D1] Bundesministerium für Bildung und Forschung, Eine kleine Wasserstoff-Farbenlehre. https://www.bmbf.de/bmbf/shareddocs/kurzmeldungen/de/eine-kleine-wasserstoff-farbenlehre.html abgerufen am 13.09.2021.

[D2] S. Timmerberg et al.: „Hydrogen and hydrogen-derived fuels through methane decomposition of natural gas – GHG emissions and costs“, Energy Conversion and Management: X, Volume 7, 2020, 100043 (https://doi.org/10.1016/j.ecmx.2020.100043).  Siehe auch: https://www.klimareporter.de/energiewende/die-fragwuerdige-wasserstoff-produktionsmethode-von-basf abgerufen am 13.09.2021.

[D3] Friedrich, M., „Blauer Wasserstoff“ – Lösung oder Problem für die Energiewende? energy, Magazin von Greenpeace Energy
https://www.greenpeace-energy.de/blog/wissen/windgas/blauer-wasserstoff/ abgerufen am 13.09.2021.

5. Erdgas als Brückentechnologie

Timon Gremmels, SPD: „Ich möchte, dass wir Industrieland bleiben. Dafür braucht es für eine gewisse Übergangszeit eine Gastechnologie“.

Zeitpunkt im Video: 00:29:30

Fakt ist: Gastechnologien haben auch in einem klimaneutralen System noch Ihren Platz. Das betrifft sowohl grünen Wasserstoff als auch Folgeprodukte wie synthetisches Methan oder in kleineren Mengen Biomethan. Anwendungsbereiche gibt es in jedem Fall in der Industrie und etwas umstrittener im Transport.

Eine Erhöhung der Erdgasmenge zur Kompensation des Kohle- und Atomausstiegs ist aus energiewirtschaftlicher Sicht nicht notwendig und klimapolitisch nicht sinnvoll, da bei der Berücksichtigung der Vorkette der Klimavorteil von Erdgas gegenüber Kohle kaum gegeben ist. [E1]

Der geplante Ausbau der Erdgas-Infrastruktur ist mit hohen Kosten verbunden, die ein hohes Risiko bergen, als „Stranded Investments“ zu enden und somit nicht anderweitig eingesetzt werden zu können. [E1]

[E1] Ausbau der Erdgas-Infrastruktur: Brückentechnologie oder Risiko für die Energiewende?, Studie der Scientists for Future zur Diskussion um Erdgas https://de.scientists4future.org/erdgas-brueckentechnologie-oder-risiko-fuer-die-energiewende/, abgerufen am 14.09.2021.

6. Timon Gremmels zur Mitgliedschaft im Beirat des Vereins „Zukunft Gas e.V.“

Timon Gremmels, SPD: „Man muss auch mit der Industrie sprechen. Sie stellt ja auch relativ viele Arbeitsplätze in Kassel und wir müssen die grüner machen. Das Ziel bis 2045 klimaneutral zu sein, gilt natürlich auch für den Erdgassektor. […] Ich möchte im Dialog mit den Arbeitnehmern und Arbeitgebern der Gaswirtschaft dafür sorgen, dass die klimaneutral werden, ich lobbyiere in dem Verband für Klimaneutralität.“

 Zeitpunkt im Video: ab 00:28:06

Fakt ist:Der Verein Zukunft Gas e.V. bündelt die Interessen von über 130 Unternehmen der Gasbranche mit einem Budget von 10 Mio. € jährlich. Mitglied sind auch die in Kassel ansässigen Unternehmen WINGAS GmbH und Wintershall Dea AG. Direktkandidat der SPD, Timon Gremmels, ist als einer von zwei Bundestagsabgeordneten Mitglied im Beirat der Zukunft Gas e.V. [F1]

Der Verein schreibt auf seiner Homepage: „Gemeinsam mit unseren Mitgliedern setzen wir uns dafür ein, dass die Potenziale der Energieträger Erdgas und grüne Gase wie Biogas und Wasserstoff sowie der bestehenden Gasinfrastruktur genutzt werden, und informieren über die Chancen und Möglichkeiten, die diese für unsere Gesellschaft bieten.“[F1]

Arbeit des Vereins Zukunft Erdgas e.V. [F2, F3]:

Der Verband wirbt in seiner Arbeit für einen Anteil Erdgas im Wärmemarkt und bei der Mobilität, der deutlich höher liegt als in sonst gängigen Studien. [F4]

Der Verband gibt Studien in Auftrag, welche die Interessen des Verbandes bestärken sollen und im Vergleich zu anderen Studien, den Bedarf von Erdgas im Energiesystem überschätzen.

Durch PR-Arbeit finanziert der Verein Kampagnen, die die Rolle von Erdgas als zukünftigen Energieträger promovieren. [F3]

Die Rolle des Beirats beschreibt der Verein wie folgt: „Der Beirat von Zukunft Gas berät den Verein und seine Gremien, den Aufsichtsrat und die Geschäftsführung in fachlichen, politischen und technischen Fragen. (…) Der Beirat ist aber nicht nur ein Beratungsgremium, sondern auch ein Diskussionsforum für alle den Verein und seine Tätigkeit betreffenden Fragen.“ [F1]

Da die Beiratssitzungen des Vereins nicht öffentlich einsehbar protokolliert werden, lässt sich Gremmels Statement, er „lobbyiere dort für Klimaneutralität“, nicht bestätigen oder widerlegen. [F5]

[F1]    https://gas.info/die-initiative-zukunft-gas , abgerufen am 14.09.2021.

[F2]   https://www.lobbycontrol.de/2021/07/zukunft-gas-wie-ein-pr-lobbyverband-der-gasindustrie-die-deutsche-klimapolitik-verwaessert/, abgerufen am 14.09.2021.

[F3] https://lobbypedia.de/wiki/Zukunft_Gas, abgerufen am 14.09.2021.

[F4] Wachsmuth, J., Michaelis, J., Neumann, F., Degünther, C., Köppel, W., & Asif Zubair, Z. (2019). Roadmap Gas für die Energiewende – Nachhaltiger Klimabeitrag des Gassektors. Umweltbundesamt. https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/1410/publikationen/2019-04-15_cc_12-2019_roadmap-gas_2.pdf

[F5] https://www.iee.fraunhofer.de/content/dam/iee/energiesystemtechnik/de/Dokumente/Veroeffentlichungen/FraunhoferIEE-PtX-Atlas_Hintergrundpapier_final.pdf, abgerufen am 14.09.2021. 

7. Zur Vorkette von Erdgas und Methanleckagen

Timon Gremmels, SPD: „Es gibt Alternativen [zum Fracking in Argentinien], zum Beispiel Gas in Russland zu produzieren und hierher zu transportieren. Da sag ich Ihnen ich bin für Nord Stream 2. Wenn Sie die alten Pipelines angucken und die Methanleckagen, da zeigen ja auch Satellitenbilder wieviel Erdgas da austritt, da ist Nord Stream 2 die bessere der Alternativen, und kann perspektivisch auch genutzt werden für Wasserstoff.“

Zeitpunkt im Video: ab 30:25

Fakt ist: Methanemissionen sind heute für ca. 17 % der anthropogenen Klimaerwärmung verantwortlich.Messungen ergeben 60-110 % höhere fossile Methanemissionen als aktuell offiziell bilanziert. [G1]Der Methanschlupf der Erdgasförderung liegt je nach Herkunftsland und Fördertechnologie bei 0,6 % bis 4,2 % und liegt für Russland aktuell besonders hoch [G2-G4], vgl. Tabelle 1.

Tabelle 1: Methanschlupf in der Erdgasförderung und im Gasnetz

Förderung AufbereitungTransportVerteilung in DEUGesamt
Deutschland0,075%0,075%0,015%0,4% – 1%0,57% – 1,17%
Niederlande0,125%0,125%0,01% – 0,036%0,4% – 1%0,66% – 1,29%
Norwegen0,200%0,125%0% – 0,102%0,4% – 1%0,73% – 1,43%
Russland0,500%0,250%0,3% – 2,4%0,4% – 1%1,45% – 4,15%
LNG0,1-0,2% (konv.) / 1,6-9% (shale gas)0,20%0,015%0,4% – 1%0,72% – 1,42%
Tabelle 1: Methanschlupf in der Erdgasförderung und im Gasnetz

Erläuterung: Ein Teil der Methanemissionen können wahrscheinlich durch eine modernere Pipeline reduziert werden, da gerade beim Transport aus Russland ein großer Teil der Methanemissionen anfällt. Jedoch liegt ein großer Teil des Transportweges für Erdgas noch vor dem Zulauf zu Nord Stream 2. Grundsätzlich ist aus kapazitativen Gründen und aus klimapolitischen Entwicklungen eine Vergrößerung der Erdgasinfrastruktur nicht nötig und nicht sinnvoll. [G5]

Ebenfalls richtig ist die Tatsache, dass Russland ein hohes technoökonomisches Potenzial zur Erzeugung von grünem Wasserstoff besitzt. Fraglich ist jedoch, wenn man den bisherigen EE-Zubau und die politische Situation in Russland betrachtet, wann die Investition in eine „grüne“ Infrastruktur beginnen würde. Zudem kann es bei Betrachtung der globalen Energieverbräuche sowie der Entfernung zu Russland für eine weltweite Dekarbonisierung sinnvoller sein, wenn Russland grünen Wasserstoff in Fernostregionen liefern würde. [G5]

Die bisherigen Planungen des Wasserstofftransportnetzes sehen zudem gar keinen Ausbau in Ostdeutschland und somit einen möglichen Anschluss an Nord Stream 2 vor, so dass dort in mittlerer Zukunft nicht absehbar ist, Wasserstoff über die Pipeline nach Deutschland zu bringen. [G6]

[G1] https://environmentcounts.org/upward-revision-of-methane-emissions-from-shale-gas-production-could-erode-natural-gas-cleaner-energy-advantage/

[G2] Fritsche, U. R. et al. 2006: Kurzstudie: Stand und Entwicklung von Treibhausgasemissionen in den Vorketten für Erdöl und Erdgas. 

[G3] Lechtenböhmer, S. et al. 2005: Treibhausgasemissionen des russischen Erdgas-Exportpipeline-Systems.

[G4] Schütz, S. et al. 2015: Treibhausgas-Minderungspotenziale in der europäischen Gasinfrastruktur.

[G5] Ausbau der Erdgas-Infrastruktur: Brückentechnologie oder Risiko für die Energiewende?, Studie der Scientists for Future zur Diskussion um Erdgas https://de.scientists4future.org/erdgas-brueckentechnologie-oder-risiko-fuer-die-energiewende/, abgerufen am 14.09.2021.

[G6] https://devkopsys.de/ptx-atlas, abgerufen am 14.09.2021.